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Erste Schritte zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns

04.07.2018 / Nördliche Breitmaulnashörner sind funktionell ausgestorben, da nur noch zwei Weibchen dieser Art auf unserem Planeten existieren. Ein internationales Wissenschaftsteam hat nun erfolgreich drei Meilensteine erreicht, um das Überleben der Art zu sichern. Das berichten sie im Fachjournal Nature Communications.

nashorn

Es gibt nur noch zwei Exemplare des Nördlichen Breitmaulnashorns. Fatu ist eines der Weibchen. Foto: Jan Stejkal

Mithilfe von Techniken zur künstlichen Befruchtung sind Hybrid-Embryos aus Eizellen des Südlichen Breitmaulnashorns und Spermien des Nördlichen Breitmaulnashorns entstanden. Die Forscher und Forscherinnen haben damit erstmals Nashorn-Blastozysten (Prä-Implantationsembryos) im Reagenzglas erzeugt. Zusätzlich etablierte das Team Stammzelllinien von Blastozysten des Südlichen Breitmaulnashorns mit typischen Eigenschaften embryonaler Stammzellen.

 „Das sind die weltweit ersten im Reagenzglas - in vitro - produzierten Nashornembryos. Werden sie in eine Leihmutter implantiert, ist die Chance, dass sich eine Trächtigkeit entwickelt, sehr hoch“, sagt Professor Thomas Hildebrandt, Leiter der Abteilung Reproduktionsmanagement am Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (Leibniz-IZW) in Berlin. Das internationale Forschungsteam hat Reproduktionstechniken, die normalerweise bei Pferden angewendet werden, so auf die speziellen Gegebenheiten der Nashörner angepasst, dass sie die Möglichkeit eröffnen, das Nördliche Breitmaulnashorn vor dem Aussterben zu bewahren. Dazu werden im nächsten Schritt den noch zwei verbleibenden Nashornkühen mit einem nun neu entwickelten Verfahren Eizellen entnommen. Weibliche Südliche Breitmaulnashörner könnten dann in Zukunft als Leihmütter für die heranwachsende Population Nördlicher Breitmaulnashörner dienen. Im Gegensatz zu den Nördlichen Breitmaulnashörnern existieren von der südlichen Art heute rund 21,000 Individuen in Südafrika.

Mithilfe eines kürzlich patentierten - fast zwei Meter langen technischen Geräts - konnten die Wissenschaftler wiederholt und auf sichere Weise Eizellen von Nashörnern entnehmen. Das ultraschallgeführte Gerät wird transrektal im Nashorn platziert. Sobald ein Follikel auf dem Bildschirm des Ultraschall-Laptops erscheint, kann eine spezielle Nadel aktiviert werden, die durch die Darmwand in den Eierstock sticht und die Eizelle aus dem Follikel entnimmt.

Ein Embryo im frühen Stadium – entwickelt außerhalb des Nashorns
Die Eizellen wurden von Südlichen Breitmaulnashörnern in Europäischen Zoos entnommen und dann zu AVANTEA nach Italien geschickt, einem weltweit führenden Unternehmen in Technologien zur künstlichen Befruchtung großer Tiere. „In unserem Labor haben wir Verfahren entwickelt, bei dem die Eizellen reifen, dann durch intrazytoplasmatische Spermieninjektion (intracytoplasmic sperm injection - ICSI) befruchtet und anschließend kultiviert werden. Zum ersten Mal haben wir Nashorn-Blastozysten, ein frühes Stadium eines Embryos, in vitro entwickelt. Ähnlich machen wir es routinemäßig bereits für Rinder und Pferde“, berichtet Professor Cesare Galli von AVANTEA in Cremona, Italien. Mehrere dieser Embryos lagern derzeit bei minus 196 Grad Celsius (Kryokonservierung). Sie sollen in Zukunft in Leihmütter eingesetzt werden und so für Nachwuchs sorgen.

„Für die Befruchtung wurde kryokonserviertes Sperma von verstorbenen Nördlichen Breitmaulnashörnern eingesetzt. Die erfolgreiche Entwicklung eines Hybrid-Embryos ist ein bedeutender Schritt in Richtung Geburt des ersten Nördlichen Breitmaulnashorns durch die künstliche Befruchtung. Mit unserem jetzigen Erfolg stammt die Hälfte der genetischen Informationen des Hybrid-Embryos vom Nördlichen Breitmaulnashorn“, sagt Jan Stejskal, der Leiter von internationalen Projekten am Safari Park Dvůr Králové in Tschechien. Die beiden letzten Nördlichen Breitmaulnashornweibchen wurden in Dvůr Králové geboren und leben zurzeit unter Schutz im „Ol Pejeta Reservat“ in der Nähe des Mount Kenya Massivs in Ostafrika.

„Unsere Ergebnisse sind solide, reproduzierbar und sehr vielversprechend. Wir sind jetzt gut vorbereitet, um nach Kenia zu fliegen und dort den letzten beiden Weibchen Eizellen zu entnehmen, um dann Blastozysten heranzuzüchten, bei denen sowohl Eizellen als auch Sperma ausschließlich von Nördlichen Breitmaulnashörnern stammen“, kommentiert Hildebrandt. Die Wissenschaftler haben mehr als zwanzig Eizellenentnahmen an Südlichen Breitmaulnashörnern innerhalb Europas durchgeführt, dabei zahlreiche Embryos gewonnen und wissen, dass diese Technik funktioniert. Sie arbeiten derzeit an der Verbesserung der Technik des Embryotransfers.

Kombination von Stammzellenforschung mit Techniken der künstlichen Befruchtung
Da aber nur noch zwei Weibchen existieren und das verfügbare Sperma von nur vier männlichen Tieren stammt, würden Reproduktionsmedizin und in vitro Befruchtungstechniken alleine nicht ausreichen, um eine sich selbst erhaltende Population von Nördlichen Breitmaulnashörnern mit der notwendigen genetischen Vielfalt zu etablieren. Deshalb arbeiten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an einem zweiten Ansatz. Sie wollen Stammzelltechnologien nutzen, um Keimzellen herzustellen. 

„Unser Ziel für die Zukunft ist es, in vitro primordiale Keimzellen aus iPS-Zellen (induzierte pluripotente Stammzellen) zu entwickeln. Diese iPS-Zellen werden aus Körperzellen gewonnen, die in der Vergangenheit von mehreren Nördlichen Breitmaulnashörnern entnommen und eingefroren wurden. In einem zweiten Schritt werden diese primordialen Keimzellen dann in Eizellen und Spermien umgewandelt“, erklären Dr. Sebastian Diecke, Stammzellenexperte am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) in Berlin, und Professor Katsuhiko Hayashi, Stammzellenexperte an der Kyushu-Universtät in Japan. Diese Methode würde die anfänglich geringe genetische Vielfalt der zukünftigen Nördlichen Breitmaulnashornpopulation wesentlich erhöhen – sie wäre sogar größer als die vom Südlichen Breitmaulnashorn.

Die Kombination aus Stammzellenforschung und der jetzt entwickelten künstlichen Befruchtungstechnologie wird als Blaupause dienen, um auch andere hochgefährdete Tierarten zu retten, deren Population schon so weit geschrumpft sind, dass konventionelle Naturschutzbemühungen nicht mehr greifen.

„Pluripotente Stammzellen haben die Fähigkeit sich unbegrenzt selbst zu erneuern und können sich in jede beliebige Zelle eines lebenden Organismus weiterentwickeln. Wir haben bei AVANTEA schon erfolgreich embryonale Stammzellen von Südlichen Breitmaulnashörnern gewonnen, die alle Eigenschaften von undifferenzierten Stammzellen besitzen und sich in verschiedene Zelllinien differenzieren können“, sagt Galli. Die in dieser Studie gewonnenen embryonalen Stammzelllinien wurden nun an das Labor von Sebastian Diecke übergeben. Dort werden sie als Vorlage dienen, iPS-Zellen in primordiale Keimzellen und schließlich in Geschlechtszellen zu differenzieren.

Ein Rennen gegen die Zeit – und jede Spende hilft
Nördliche Breitmaulnashörner sind die am stärksten bedrohten Säugetiere der Welt. Alle Bemühungen, die Art zu erhalten, wurden durch menschliche Aktivitäten wie Wilderei, Bürgerkrieg und Lebensraumverlust zunichte gemacht. Das Resultat war ein drastischer Populationsrückgang. Von noch 2.000 Individuen in den 1960ern fiel die Zahl auf die zwei heute noch verbliebenen Weibchen. Im März 2018 starb das letzte männliche Nördliche Breitmaulnashorn – Sudan – an Altersschwäche.

“Wir erleben gerade die Entwicklung einer Methode, die dabei helfen kann, dem negativen Einfluss der Menschen auf die Natur etwas entgegen zu setzen. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung, die wir bisher von Privatleuten für unser Rennen gegen die Zeit erhalten haben. Wir hoffen, dass der jetzige Durchbruch mehr Menschen, und möglicherweise auch die öffentliche Hand, davon überzeugen wird, dass dieser Ansatz machbar und unterstützenswert ist“, sagt Steven Seet, Leiter der Stabsstelle Presse & Kommunikation am Leibniz-IZW.

Kontakte
Jana Schlütter
Redakteurin, Kommunikation
Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC), Berlin
jana.schluetter@mdc-berlin.de 

 

Literatur
Thomas Hildebrandt et al. (2018): “Embryos and embryonic stem cells from the white rhinoceros.” Nature Communicationsdoi: 10.1038/s41467-018-04959-2 (Manuskript auf Anfrage erhältlich)

Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC)
Das Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in der Helmholtz-Gemeinschaft (MDC) wurde 1992 in Berlin gegründet. Es ist nach dem deutsch-amerikanischen Physiker Max Delbrück benannt, dem 1969 der Nobelpreis für Physiologie und Medizin verliehen wurde. Aufgabe des MDC ist die Erforschung molekularer Mechanismen, um die Ursachen von Krankheiten zu verstehen und sie besser zu diagnostizieren, verhüten und wirksam bekämpfen zu können. Dabei kooperiert das MDC mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin und dem Berlin Institute of Health (BIH) sowie mit nationalen Partnern, z.B. dem Deutschen Zentrum für Herz-Kreislauf-Forschung (DHZK), und zahlreichen internationalen Forschungseinrichtungen. Am MDC arbeiten mehr als 1.600 Beschäftigte und Gäste aus nahezu 60 Ländern; davon sind fast 1.300 in der Wissenschaft tätig. Es wird zu 90 Prozent vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und zu 10 Prozent vom Land Berlin finanziert und ist Mitglied in der Helmholtz-Gemeinschaft deutscher Forschungszentren. http://www.mdc-berlin.de/

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